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Eine lebendige Lektion über Vergebung (German)

Philemon 1-3 November 17, 1991 de57-1

Wir werden heute früh beginnen, uns mit einem ganz neuen Buch im Neuen Testament zu befassen, dem Brief an Philemon. Und ich möchte, dass ihr diesen Brief aufschlagt; er ist sehr kurz, ein Kapitel, 25 Verse, eine Lektion über Vergebung. Für diejenigen unter euch, die im Inhaltsverzeichnis eurer Bibeln suchen, dieser kurze Brief an Philemon befindet sich zwischen Titus und Hebräer.

Von allen menschlichen Qualitäten, die die Menschen auf irgendeine Weise wie Gott machen, ist keine göttlicher als Vergebung. Gott ist ein Gott der Vergebung. In Exodus Kapitel 34 identifiziert Gott sich sogar auf diese Weise. Vers 6 besagt: „Und der HERR ging vor seinem Angesicht vorüber und rief“, hier spricht unser Herr über sich selbst: „Der HERR, der HERR, der starke Gott, der barmherzig und gnädig ist, langsam zum Zorn und von großer Gnade und Treue, der Tausenden Gnade bewahrt und Schuld, Übertretung und Sünde vergibt […].“ Er sagt, ich bin der Gott der Vergebung. Das ist mein Wesen.

Salomo sagte in Sprüche 19,11: „Es ist der Ruhm eines Menschen, Vergehungen zu übersehen“. Der Mensch ähnelt Gott nie mehr, als wenn er vergibt.

Das Thema der Vergebung wird sehr deutlich in der ganzen Schrift betont. Aber es gibt einige Höhepunkte, wo wir die Vergebung Gottes in deutlichem Profil sehen. Einer von ihnen ist die vielleicht bekannteste Geschichte des verlorenen Sohnes aus Lukas 15. Ich werde nur darauf verweisen, denn ich weiß, dass ihr die Geschichte gut kennt. Ein Vater hatte zwei Söhne. Einer von ihnen war es überdrüssig, im Haus des Vaters zu leben und wollte alleine leben und sein gesamtes Erbe mitnehmen. Und das tat er; er verließ das Haus und verschwendete all seinen Besitz in Sünde. Und als er den tiefsten Punkt seines Lebens erreicht hatte, wollte er zurückkehren und nur ein Diener im Haus seines Vaters sein, denn ein Diener im Haus seines Vaters zu sein wäre besser, als das, was er geworden war. Dieser Sohn ähnelte vielen anderen Söhnen - habgierig, versessen darauf, Reichtum zu erhalten, den er nicht verdient hatte, so töricht wie viele Menschen in der Art und Weise, wie er es in Saus und Braus verschwendete mit denen, die ihn ausnutzten und ihn im Elend zurückließen, als ihm das Geld ausging. Aber langsam nahm er Vernunft an, denn er war kurz davor, in einem Schweinestall zu verhungern, der wirklich eine Reflektion seines Lebens war. Dann kam das Erwachen. Er sagte: „Die Tagelöhner meines Vaters leben viel besser als ich und ich werde aufstehen und zu meinem Vater gehen.“

Es scheint in der Geschichte des verlorenen Sohns, dass der junge Mann keine Vergebung erwartete. Er erwartete nur eine Art von milder Toleranz. Alles, was er wollte, war die Chance, zu seinem Vater zu sagen: „Ich war ein Rumtreiber und ich … ich bin es einfach nicht mehr wert, dein Sohn zu sein, aber könntest du mich zu einem Sklaven machen? Ich weiß, ich habe das Anrecht auf Sohnschaft für immer verspielt, aber könnte ich einfach ein Sklave sein? Ich möchte lediglich ein Dach über dem Kopf haben und etwas besseres Essen als Matschepampe für die Schweine.“ Und so machte er sich auf den Rückweg. Und bei dieser Gelegenheit lehrt Jesus uns, wie man vergibt.

Der Vater wartete nicht einmal auf die Ankunft des Sohnes. Er rann zu dem Sohn, als er ihn aus der Entfernung sah. Seine Worte waren nicht unfreundlich. Die Bibel sagt, er fiel ihm um den Hals und küsste ihn wiederholt. Und so sagt Jesus uns, wie das Herz der Vergebung aussieht, es ist erwartungsvoll, nicht widerwillig, es wartet nicht einmal auf die Ankunft des Sünders. Wenn ihr ihn aus der Entfernung auf euch zukommen seht, lauft ihr ihm sogar entgegen, umarmt ihn und küsst ihn. Und wenn er beginnt, sich zu entschuldigen, hört ihr kaum darauf, ihr gebt ihm nicht einmal Zeit, auszureden, ihr umarmt ihn einfach, liebt ihn, kleidet ihn in euren besten Sachen, steckt einen Ring an seinen Finger, holt das beste Fleisch aus dem Gefrierschrank, bereitet die beste Mahlzeit zu, die ihr zusammenstellen könnt, beginnt Musik zu spielen, freut euch mit euren Freunden und ladet stolz jeden ein, zu der Feier für euren zurückgekehrten Sohn zu kommen. So vergibt Gott. So sollen wir laut Gott vergeben.

Unser Herr warnt uns auch durch die Geschichte des verlorenen Sohns, dass derartige Vergebung nicht geschätzt werden wird, dass derartige Vergebung missverstanden werden wird. Ihr fragt: „Wie das?“ Nun, ihr erinnert euch sicherlich, dass der Sohn, der niemals wegging, dies überhaupt nicht zu schätzen wusste und wütend auf seinen Vater war, weil dieser so versöhnlich war. Und es gibt viele „im Haus“-Kinder, die schmollen und euch für so dumme Vergebung einen Narren nennen und euch sagen werden, ihr solltet ihn zu dem Schweinestall zurückschicken, in den er gehört. Aber der vergebende Vater kann nur sagen, dass er liebt und immer lieben wird, selbst den, der diese Vergebung nicht verdient.

Aus dieser Geschichte lernen wir, wie Gott vergibt ... bereitwillig, vollkommen, überschwänglich. Und wen wundert es auf dieser Grundlage, dass die besten Worte, die Jesus für uns, die wir Vergebung so dringend benötigen, die Worte „Vergib uns unsere Sünden wie auch wir vergeben unseren Sündigern“ waren, als er uns lehrte, zu beten? Diese Worte heizen uns wirklich ordentlich ein. Sie sagen uns, dass Gottes Vergebung für uns auf unserer Vergebung für andere basiert. Jakobus drückte es in Kapitel 2, Vers 13 folgendermaßen aus: „Denn das Gericht wird unbarmherzig ergehen über den, der keine Barmherzigkeit geübt hat.“ Oder, positiv ausgedrückt, heißt es in den Seligpreisungen: „Glückselig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.“ Ihr wollt Barmherzigkeit? Gebt sie. Ihr wollt Vergebung? Gebt sie und vergebt wie Gott, denn ihr ähnelt Gott nie so sehr, wie wenn ihr vergebt.

Hört noch einmal auf die Worte von Jesus in dem Gebet für seine Jünger in Matthäus. Matthäus beschreibt es folgendermaßen: „Vergib uns unsere Schulden wie auch wir vergeben unseren Schuldnern.“ Und dann sagt er: „Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euer himmlischer Vater euch auch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen ihre Verfehlungen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.“ Wenn ihr nicht vergebt, wird euch nicht vergeben.

Als Paulus das erste Mal in Rom inhaftiert war, schrieb er diverse Briefe, und zwar Epheser, Kolosser und Philipper. Wir nennen sie die „Gefängnisbriefe“, weil sie im Gefängnis geschrieben wurden; eine Haft, aus der Paulus später entlassen wurde und später eine weitere Haft, in der er den Märtyrertod erlitten hatte. Aber die erste Haft in Rom war der Ort, wo Paulus diese bekannten Briefe schrieb. Uns interessieren besonders Epheser und Kolosser, weil sie mit diesem kurzen Brief an Philemon verknüpft sind. Sowohl in Epheser als auch in Kolosser liegt ein wichtiger Schwerpunkt auf dem Thema der Vergebung. Ich möchte euch das zeigen. Nehmt also bitte für einen Moment eure Bibel und betrachtet Epheser Kapitel 4, Vers 32. Und hier sagt der Apostel Paulus zu den Gläubigen in Ephesus - und dies war natürlich ein Rundschreiben, das durch ganz Kleinasien ging -, er sagt zu ihnen allen und zu uns: „Seid aber gegeneinander freundlich und barmherzig“, … hier finden wir dasselbe Prinzip, … „und vergebt einander, gleichwie auch Gott euch vergeben hat in Christus.“

In Kolosser Kapitel 3, diesem Brief, der an die Gemeinde in Kolossä geschrieben und ebenfalls an die Gemeinde in Laodizea und ohne Zweifel auch an andere geschickt wurde, lesen wir in Kapitel 3, Vers 13: „Ertragt einander und vergebt einander, wenn einer gegen den anderen zu klagen hat; gleichwie Christus euch vergeben hat, so auch ihr.“

Wenn ihr all das zusammenbringt, seht ihr sehr deutlich, dass Gott ein vergebender Gott ist und ihr vergebende Menschen sein sollt. Das ist elementar. Gott hat euch sogar schon vergeben, also solltet ihr vergeben. Das ist ein Grundsatz. Der andere ist, dass Gott euch vergeben wird, wenn ihr vergebt.

Und so sagt die Schrift einerseits, Gott hat euch vergeben und deshalb sollt ihr vergeben, und andererseits sagt die Schrift, wenn ihr nicht vergebt, wird Gott euch nicht vergeben und ihr werdet die Beziehung, die Gemeinschaft, die ihr mit Gott haben könntet, verletzt haben.

Der Herr hat uns alle unsere Sünden vergeben und deshalb sagt Paulus, wir sollten einander vergeben. Und wenn wir das nicht tun, werden wir von Gott gezüchtigt. So lautet die Botschaft schlicht und einfach.

Dieser Grundsatz wird in Matthäus 18 sehr deutlich zum Ausdruck gebracht und ich möchte kurz mit euch dort verweilen; wir werden all das tun, um dann direkt zu Philemon zu gehen. Ich möchte euch zeigen, wie dieser Grundsatz in Matthäus anhand eines Gleichnisses illustriert wird. Wenn ihr bei unserer Serie über das Matthäusevangelium dabei wart, seid ihr damit vertraut. In Matthäus 18 sagt Petrus zu unserem Herrn in Vers 21: „Wenn jemand gegen mich sündigt und ich vergebe ihm, wie oft soll ich das tun? Siebenmal?“ Der Rabbiner sagte dreimal, deshalb dachte Petrus, er sei überaus großzügig. In Matthäus 18, Vers 22, sagte Jesus: „Ich sage dir, nicht bis siebenmal, sondern bis siebzigmalsiebenmal.“ Mit anderen Worten, du vergibst so oft, wie jemand gegen dich sündigt. Vergib einfach immer und immer wieder, ohne Ende.

Und dann erzählt er ein Gleichnis, das diesen Punkt verdeutlicht. Und es ist ein Gleichnis, das Gott und den Sünder darstellt. Der König in dem Gleichnis ist Gott. Der Mann, der große Schulden hat, ist der Sünder. Vers 23: „Darum gleicht das Reich der Himmel einem König“, das ist Gott, „der mit seinen Sklaven abrechnen wollte. Und als er anfing abzurechnen, wurde einer vor ihn gebracht, der war 10 000 Talente schuldig.“ Das ist eine unbezahlbare Schuld, eine enorme Schuld, die er nie in der Lage wäre, zu begleichen. „Weil er aber nicht bezahlen konnte, befahl sein Herr, ihn und seine Frau und seine Kinder und alles, was er hatte, zu verkaufen und so zu bezahlen.“ Die Schuld war zu groß, um sie zu bezahlen, aber wenn all diese Menschen als Sklaven verkauft würden, würde der König zumindest etwas bekommen. Der Mann hatte ihn offensichtlich betrogen. Wahrscheinlich einer jener Diener, der ein Zöllner war und die Verantwortung für große Geldsummen trug und den König betrogen hatte und jetzt alles verloren und keine Möglichkeit hatte, es zurückzuzahlen. Und er sagte sich: „Nun, wenn ich nicht bekommen kann, was mir geschuldet wird, nehme ich, was ich bekommen kann. Verkauft also seine Familie als Sklaven und gebt mir zumindest das.“

Vers 26: „Da warf sich der Sklave nieder, huldigte ihm und sprach: ‚Herr, habe Geduld mit mir, so will ich dir alles bezahlen.’“ Er hatte ein aufrechtes Herz und einen willigen Geist, und obwohl er es nicht hätte tun können, hatte er gute Absichten. „Da erbarmte sich der Herr über diesen Sklaven, gab ihn frei und erließ ihm die Schuld.“ Das sind Gott und der Sünder. Wenn der Sünder vor Gott kommt und wegen seiner unbezahlbaren Schuld überführt wird, wird er seiner Sünde überführt und Gott sagt ihm: ‚Du kannst mich nicht bezahlen, du solltest in die Hölle geschickt werden und du solltest bezahlen, was du bezahlen kannst, obwohl du mir nie zahlen könntest, was du mir schuldest.' Und genau das ist übrigens die Hölle, die Ewigkeit damit zu verbringen, das zu bezahlen, was ihr zahlen könnt, ohne dass das je eure komplette Schuld begleicht, weil ihr Gott so vor den Kopf gestoßen habt, indem ihr seinen Sohn abgelehnt habt.

Aber dieser König ist barmherzig, und als er die Bereitschaft des Mannes sieht, vergibt er ihm die Schuld. Und hier kommt der Punkt, um den es geht. „Als aber dieser Sklave hinausging“, der König hatte ihm gerade vergeben, „fand er einen Mitsklaven, der war ihm 100 Denare schuldig“, das ist der Lohn für 100 Tage, nicht eine Riesenschuld. „Den ergriff er, würgte ihn und sprach: ‚Bezahle mir, was du schuldig bist.’“ Und die Menschen, die Jesus zugehört hätten, als er diese Geschichte erzählt, würden an dieser Stelle absolut empört sein. „Da warf sich ihm sein Mitsklave zu Füßen, bat ihn und sprach: ‚Habe Geduld mit mir, so will ich dir alles bezahlen.’ Er aber wollte nicht, sondern ging hin und warf ihn ins Gefängnis, bis er bezahlt hätte, was er schuldig war.“

Das ist undenkbar. Hier ist ein Mann, dem eine Riesenschuld vergeben worden war, der sich gleich danach umdreht und nicht jemandem vergeben will, der ihm ein wenig schuldet. „Als aber seine Mitsklaven sahen, was geschehen war, wurden sie sehr betrübt, kamen und berichteten ihrem Herrn den ganzen Vorfall. Da ließ sein Herr ihn kommen und sprach zu ihm: ‚Du böser Sklave! Jene ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich batest; solltest denn nicht auch du dich über deinen Mitsklaven erbarmen, wie ich mich über dich erbarmt habe?’“ Und das ist dieser Grundsatz. Wenn ihr Barmherzigkeit von Gott wollt, seid selbst barmherzig. Wenn ihr Vergebung von Gott wollt, vergebt selbst. „Und voll Zorn übergab ihn sein Herr den Folterknechten, bis er alles bezahlt hätte, was er ihm schuldig war. So wird auch mein himmlischer Vater euch behandeln, wenn ihr nicht jeder seinem Bruder von Herzen seine Verfehlungen vergebt.“

Meine Güte, was für eine Geschichte! Was für eine Geschichte! Dieses Gleichnis ist so streng, dass es viele Menschen gibt, die zu dem Schluss kommen, dass der Grundsatz, den Jesus lehrt, unmöglich für einen Christen gelten könnte. Aber das tut er. Denn der Mann, der dem Sklaven nicht vergeben wollte, war ein Mann, der Vergebung erfahren hatte, dem Gott also bereits vergeben hatte; er ist ein Kind Gottes. Aber das zeigt uns, dass unser Herr manchmal sehr harsch mit seinen Kindern umgeht, die einem Anderen nicht vergeben; Hebräer 12 sagt, wen der Herr liebt, den züchtigt er, und er schlägt jeden Sohn. Einer der Gründe, warum er uns züchtigt und schlägt und uns das Leben schwer macht und uns Prüfungen auferlegt, ist, dass wir nachtragend gegenüber jemandem sind. Christen sollen also vergeben. Das ist der Grundsatz, der in der Schrift gelehrt wird, das ist der Grundsatz, der den Charakter Gottes im Gleichnis des verlorenen Sohnes illustriert, und das ist der Grundsatz, der in diesem Gleichnis illustriert wird, und der für jeden Gläubigen gelten soll. Das ist meiner Meinung nach nicht nur eine Frage von Segen und Gemeinschaft mit Gott, sondern auch eine Frage der Heilsgewissheit.

Thomas Watson schrieb vor vielen Jahren etwas sehr Interessantes. Er sagte Folgendes: „Wir müssen nicht in den Himmel hinaufsteigen, um zu sehen, ob unsere Sünden uns vergeben wurden. Lasst uns in unsere Herzen blicken und sehen, ob wir anderen vergeben können. Wenn wir das können, brauchen wir nicht daran zu zweifeln, dass Gott uns vergeben hat.“

Und so gibt es also einen Grundsatz in der Schrift, der lautet, wir ähneln Gott nie mehr, als wenn wir vergeben. Und solche Vergebung sollte uns leicht fallen, weil uns vergeben wurde. Und wenn ihr nicht vergebt, versetzt ihr euch selbst in eine Position, in der Gott euch züchtigen wird. Die Priorität der Vergebung wird in der Schrift nicht nur als Grundsatz gegeben, sie wird in der Schrift nicht nur als Gleichnis gegeben, sondern sie wird in der Schrift auch persönlich gegeben. Und zwar im Brief an Philemon. Lasst uns diesen betrachten.

Hier, in dem kürzesten Brief der inspirierten Schriften von Paulus, wird das wichtige Thema der Vergebung nicht als Grundsatz oder als Gleichnis dargestellt, sondern anhand eines persönlichen Falls. Der verlorene Sohn, keine wahre Geschichte. Der König und der Sklave, keine wahre Geschichte. Das waren einfach Gleichnisse, die Christus sich ausgedacht hatte, um sein Argument anzubringen. Das hier ist eine wahre Geschichte. Jetzt werden wir den Grundsatz untermauert sehen. Lasst uns die ersten drei Verse lesen.

„Paulus, ein Gefangener Christi Jesu, und Timotheus, der Bruder, an Philemon, unseren geliebten Mitarbeiter, und an die geliebte Apphia, und Archippus, unseren Mitstreiter, und an die Gemeinde in deinem Haus. Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus!“ Das ist eine typisch paulinische Einleitung. Sie beginnt mit dem Wort „Paulus“. Zur damaligen Zeit begannen Briefe immer mit dem Namen des Verfassers, was sehr sinnvoll ist. Wenn ihr einen langen Brief bekommt, müsst ihr sonst erst alle Seite durchblättern, um herauszufinden, von wem er ist. Im Altertum begannen sie immer mit dem Namen des Mannes oder der Frau, der/die den Brief schrieb. Das signalisiert also, dass dieser Brief von dem Apostel Paulus stammt. Ihr könnt euch vorstellen, dass Philemon, als er diesen Brief erhielt und „Paulus“ sah, nervös wurde. Sein Herz begann schneller zu schlagen, weil Paulus nicht nur der großartige Apostel war, über den jeder Bescheid wusste, und weil Paulus nicht nur derjenige war, der, in gewissem Sinne, eben die Gemeinde in Kolossä gegründet hatte, wo Philemon lebte, sondern weil Paulus diesen Mann auch persönlich zu Christus geführt hatte. Und so gibt Paulus sich zu erkennen und das Herz von Philemon beginnt, schneller zu schlagen.

Paulus identifiziert sich als ein Gefangner Christi Jesu. Das ist ein Hinweis für uns, dass er sich im Gefängnis befindet. Es ist derselbe Ort, von dem aus er Philipper, Kolosser und Epheser schrieb. Dies ist der vierte der Gefängnisbriefe, dieser kurze Brief an eine einzelne Person und der einzige dieser vier, der an eine einzelne Person geschrieben wurde. Und Paulus sagt: „Ich bin ein Gefangener Jesu Christi.“ In keiner anderen Epistel identifiziert er sich am Anfang auf diese Weise. In der Regel wollte er sich als ein Apostel zu erkennen geben, als jemand, der von Gott als Diener Jesu Christi berufen worden war, um seine Autorität ihnen gegenüber zu etablieren, um seine Berufung und seine Autorität zu betonen. Er tat das übrigens sogar in seinen Briefen an Timotheus, obwohl dies persönliche Briefe waren, die er an eine einzige Person schrieb, und selbst in seinem Brief an Titus; obwohl es sich in jenen Fällen, wie hier, um persönliche Briefe handelt, erwähnt er immer noch sein Apostelamt, weil sie seine Autorität annehmen und sie im Leben einer Gemeinde, die der Korrektur und einer Richtungsweisung bedurfte, umsetzten mussten, und das musste durch sie als ein maßgebliches Wort von Paulus kommen. Hier besteht diese Notwendigkeit jedoch nicht. Er schreibt keine maßgebliche Botschaft für die Gemeinde nieder, er spricht sanftmütig, persönlich, warm und barmherzig mit einem Freund. Und es ist ein Appell an sein Herz, ein Appell an sein Mitgefühl, an seine Liebe, deshalb ist es nicht nötig, sich auf sein Apostelamt oder seine Berufung oder seine Autorität zu berufen.

Er sagt: „Ich bin ein Gefangener Christi Jesu.“ Das ist eine wunderbare Anmerkung, weil das die erwartete Reaktion auf die Römer ist. Die Römer dachten, er sei ein Gefangener Roms. Sie hatten ihn gefasst. Sie hatten ihn inhaftiert. Er unterstand ihrer Autorität. Aber von seinem Blickwinkel aus war er ein Gefangener Jesu Christi. Er war im Gefängnis, weil Christus ihn dort hingebracht hatte, nicht, weil die Römer ihn dort hingebracht hatten. Und wenn ihr je irgendwelche Zweifel daran habt, müsst ihr euch lediglich an einige der Dinge erinnern, die er sagte, während er im Gefängnis war, insbesondere Folgendes am Ende von Philipper: „Grüßt jeden Heiligen in Christus Jesus [...]. Es grüßen euch alle Heiligen, besonders die aus dem Haus des Kaisers.“ Unser Herr hatte ihn ins Gefängnis gebracht, und während er dort war, evangelisierte er den Haushalt des Kaisers.

Bei vielen Gelegenheiten in Epheser - Kapitel 4, Vers 1, Kapitel 6, Verse 19-20 - sowie in Kolosser Kapitel 4 bezeichnet er sich selbst als „Gefangener“. Aber er war ein Gefangener, weil er Christus verkündete und er war es um Christi willen und er war es durch Christi willen. Und er sagt Folgendes zu Philemon, und ich halte das für sehr weise, denn in Wirklichkeit sagt er quasi auf sehr subtile Weise zu Philemon: „Sieh mal, Philemon, wenn ich das hier für Christus tun kann, kannst du dann das für ihn tun, worum ich dich bitte? Wenn ich die schwierigere Aufgabe ertragen kann, in diesem Gefängnis zu sein, kannst du die leichtere Aufgabe übernehmen, um die ich dich bitten werde, nämlich, zu vergeben?“ Paulus ist sehr weise. Er ist sehr taktvoll. Denn sobald Philemon das Wort „Paulus“ hört, beginnt die Liebe in ihm aufzusteigen. Und sobald er liest „ein Gefangener Christi Jesu“, füllen seine Augen sich vielleicht mit Tränen, während er an diesen geliebten Mann denkt, der ihn zu Christus geführt hat, an diesen großartigen Apostel, der die Schmerzen und den Kummer der Inhaftierung erträgt. Und während er über alles nachdenkt, was Paulus erlitten hat, um Menschen wie ihm das Evangelium zu bringen, muss das einen Effekt auf seine Bereitschaft haben, das zu tun, was Paulus von ihm verlangt.

Und dann wirft Paulus Folgendes ein: „Paulus, ein Gefangener Christi Jesu, und Timotheus, der Bruder.“ Timotheus ist kein Mitverfasser. Timotheus ist nur ein derzeitiger Gefährte … ein Bruder in Christus. Timotheus war während der dritten Missionsreise von Paulus bei diesem gewesen, Apostelgeschichte Kapitel 19; er war mit den Gläubigen von Kolossä vertraut, hatte Philemon wahrscheinlich getroffen, und so wäre dies ein Wort von jemandem, den Philemon kannte. Aber es gab andere bei Paulus, die Philemon hätte kennen können. Ich meine, wenn wir alles zusammenfügen, waren unseres Wissens nach Tychikus, Epaphroditus, Aristarchus, ein Mitgefangener, Markus, Jesus Justus, Epaphras, Lukas und Demas in Rom. Warum erwähnt er diese Männer nicht? Warum bezieht er sich nicht irgendwie auf sie? Nun, das tut er am Ende des Briefes. Aber ganz am Anfang des Briefes erwähnt er Timotheus, alle anderen erwähnt er am Ende des Briefes. Warum? Ich glaube, das liegt daran, dass Timotheus in der Einleitung eines Briefes oft herausgegriffen wird, weil Paulus wusste, dass er eines Tages wahrscheinlich die geistliche Leitung hauptsächlich an Timotheus übergeben würde und er wollte Timotheus als jemanden etablieren, der die Rolle eines Leiters innehatte. Und so identifizierte er Timotheus sehr, sehr eng mit sich selbst.

Also ist dies ein Brief von Paulus, zusammen mit den Grüßen von Timotheus, an Philemon, den Mann, der das Haupt einer Familie in Kolossä war. Kolossä war eine kleine Stadt. Die Gemeinde dort war wahrscheinlich sehr klein. Und die Gemeinde traf sich in seinem Haus. Wir wissen also, dass er ein wohlhabender Mann war. Die meisten Menschen im römischen Reich, die Christen wurden, waren Sklaven. Einige von ihnen waren Freie, also ehemalige Sklaven, die jetzt frei waren. Wenige von ihnen waren wohlhabend, nicht viele vornehm und nicht viele mächtig. Und wo immer es eine wohlhabende Person gab, die sich bekehrt hatte, hatte diese ein Haus. Sklaven und Freie hatten solche Dinge nicht. Die meisten Freien lebten in Wohnungen oder Einzelzimmern und bezahlten dafür eine bescheidene Summe. Wohlhabende Leute besaßen eigene Häuser. Hier ist also ein Mensch mit einigem Vermögen, in dessen Haus die Gemeinde sich trifft.

Er nennt ihn „unser geliebter Bruder und Mitarbeiter“ und das bedeutet unser lieber Freund. Eine vertraute Beschreibung, die Paulus sowohl für einzelne Personen als auch für Gruppen verwendet, agapetos, der Geliebte. „Mitarbeiter“, wieder einfach ein Begriff, den Paulus viele Male für jene Leute verwendet, die mit ihm zusammengearbeitet haben. Hier ist also ein Mann, den er liebte und der mit ihm zusammengearbeitet hatte. Diese Freundschaft entwickelte sich wahrscheinlich in Ephesus, nur als Hinweis, weil Paulus nie nach Kolossä ging. Als ich sagte, er war verantwortlich für die Gründung der Gemeinde dort, war das, weil er Ephesus gründete und dort drei Jahre verweilte und von Ephesus aus wurden all die anderen Gemeinden in Kleinasien gegründet. Es gibt keine Zweifel daran, dass dieser Mann in der Zeit, als Paulus in Ephesus war, bekehrt wurde und Paulus auf sehr persönliche Weise kennenlernte, obwohl er in einiger Entfernung lebte, in der sehr kleinen Stadt Kolossä. Von da an hatten sie also eine Freundschaft entwickelt. Und jetzt wird Paulus diese Freundschaft riskieren, das tut er wirklich, Leute. Das hier ist ein unverblümter Brief. Er wird Philemon auffordern, etwas auf dem Gebiet der Vergebung zu tun, das von zentraler Bedeutung ist.

Darüber hinaus adressiert er in Vers 2 den Brief an Apphia, unsere Schwester. Das ist, ohne Zweifel, seine Frau. In der Schlachter 2000 steht „die geliebte Apphia ...“. Die bessere Lesweise ist „Apphia, unsere Schwester“, unsere Schwester in Christus. Und wieder handelt es sich hier ganz gewiss um die Frau von Philemon und auch eine Freundin von Paulus. Dann sagt er: „Und Archippus, unseren Mitstreiter.“ Das ist sehr wahrscheinlich ihr Sohn. Ihr Sohn, Archippus, ein älterer Sohn und ein ehrbarer Christ, der sich im geistlichen Kampf irgendwo zu Paulus gesellt hatte, kämpfte tapfer in diesem Kampf und wird für sein geistliches Leben gelobt.

In Kolosser 4,17 wird Archippus wieder erwähnt. Philemon wird nie mehr irgendwo anders erwähnt und auch Apphia nicht. Aber Archippus wird dort erwähnt, als Paulus an die Gemeinde in Kolossä schreibt. Er sagt zu Archippus: „Habe acht auf den Dienst, den du im Herrn empfangen hast, damit du ihn erfüllst.“ Dieser junge Mann war also ein Diener Gottes. Wir wissen nicht, in welchem Ausmaß oder wie genau, aber hier gab es einen Vater und eine Mutter mit einer Gemeinde in ihrem Haus und einen Sohn, der ein Diener Gottes war. Er hatte gewiss in Kolossä und auch in Laodizea gedient, wie die Anmerkung am Ende des Briefes an die Kolosser zeigt. Diese kleine Familie ist also sehr wichtig im Leben von Paulus. Und die Frage der Vergebung, die hier auf dem Spiel steht, gibt Paulus die Gelegenheit, den Willen des Heiligen Geistes zu erfüllen und einen sehr wichtigen Punkt zu vermitteln.

Das Ende von Vers 2: „Die Gemeinde in deinem Haus.“ Paulus wollte, dass der Brief dort gelesen wird. Es war ein privater Brief, aber er wollte, dass dieser vorgelesen wird, damit die ganze Gemeinde Philemon dafür zur Rechenschaft ziehen würde, damit sie alle die Lektion der Vergebung lernen und alle wissen würden, wie sie den Mann, dem vergeben worden war, zu behandeln hätten.

Ich muss für euch anmerken, dass die meisten Gemeinden sich in früheren Zeiten entweder in einem Privathaus oder draußen getroffen hätten. Versammlungsgebäude gab es erst ab dem dritten Jahrhundert. Sie trafen sich in Häusern. Das war sehr typisch. Es gibt immer noch Orte auf der Welt, wo Gemeinden sich auch heute noch in Privathäusern treffen. Das ist nicht unbedingt heilig, aber Kirchengebäude entwickelten sich nicht wirklich bis zum dritten Jahrhundert. Die älteste Kirche wurde in Ostsyrien gefunden, an einem Ort namens Dura Europos, und man glaubt, sie geht ca. auf das Jahr 232 n. Chr. zurück. Das wäre im dritten Jahrhundert. Zu dieser Zeit, bevor Kirchen an sich gebaut wurden, trafen die Menschen sich in Häusern und in seinem Haus gab es eine Hausgemeinde.

In Vers 3 finden wir die übliche Begrüßung. Darauf werde ich nicht viel Zeit verwenden. Er sagt: „Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus.“ Das ist die typische, übliche Begrüßung unter Christen. Gnade, das Mittel der Errettung; Friede, das Ergebnis der Errettung. Und an dieser Stelle kann ich nicht widerstehen, etwas hinzuzufügen. Wenn dort steht „von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus“, wäre die Vereinigung dieser beiden Gotteslästerung, wenn Jesus ein Mensch oder ein Engel wäre … könnt ihr das verstehen? Das hier muss als Bekräftigung der Gottheit von Jesus Christus verstanden werden. Wenn Jesus ein Mensch wäre, wäre diese Art von Kombination Gotteslästerung. Wenn Jesus ein Engel wäre, wäre diese Art von Kombination Gotteslästerung, denn hier wird gesagt, dass die Gnade, die errettet, und der Friede, der das Ergebnis davon ist, Gott und dem Herrn Jesus Christus entspringen, und deshalb müssen beide göttlich sein, beide. Und so leitet Paulus seinen Brief ein … seinen einzigen Gefängnisbrief an eine einzelne Person.

Es ist viel geschrieben worden über den Zweck dieses Briefes. Und ich möchte nicht viel Zeit darauf verwenden, aber ich möchte euch ein kleines Gefühl dafür geben, wie man an diesen Brief herangegangen ist. Einige denken, der Zweck dieses Briefs bestünde darin, das Wesen der christlichen Liebe zu demonstrieren, und das ist hier sicherlich vorhanden. Andere schlagen vor, der Zweck bestünde darin, das Wirken von Gottes Vorsehung zu offenbaren, und auch dieses Element ist sicherlich enthalten. Manche sagen, es sei ein Beispiel korrekter Manieren und christlicher Höflichkeit. Es gibt keine Befehle, nichts Anstößiges, nur ein Plädoyer der Liebe. Und das ist gewiss wahr. Manche glauben, der Zweck bestünde darin, Grundsätze für die Wahrung guter christlicher Beziehungen zu vermitteln. Ich habe sogar kürzlich mit einem Mann gesprochen, der ein Buch über Philemon schreibt und das ist sein Ansatz. Manche schlagen vor, der Zweck dieses Briefes bestünde darin, die Auswirkungen der Bekehrung auf Kultur und Gesellschaft aufzuzeigen. Andere, und das sind viele, glauben, dies sei ein Angriff auf die Institution der Sklaverei und der Zweck von Philemon bestünde darin, die Sklaverei zum Einsturz zu bringen. Nun, die Grundsätze in Philemon werden gewiss Auswirkungen auf die Misshandlung von Sklaven haben, kein Zweifel.

Aber es muss darauf hingewiesen werden, weil dieser letzte Ansatz anscheinend der beliebteste ist, dass es an keiner Stelle in der Schrift Bemühungen gibt, die Sklaverei abzuschaffen. Zu keiner Zeit haben irgendwelche Propheten oder Prediger oder Lehrer oder Apostel des Neuen Testaments je die Sklaverei angegriffen. Aber jeder Aufruf zu gerechtem Leben, jeder Aufruf zu heiliger Liebe, wird die Misshandlungen in jedem gesellschaftlichen System eliminieren. Ganz im Gegenteil sogar, im Neuen Testament gibt es viele, viele Texte, in denen Sklaverei zu einem Vorbild für christliche Grundsätze wird, wo Sklaverei quasi zu einem Bild für unsere Beziehung zu Gott als seine Sklaven und Diener wird. Und Sklaven wird immer wieder gesagt, sei es in Epheser 6 oder Kolosser 4 oder 1. Timotheus 6,1-2 oder 1. Petrus 2,18, sie sollen gehorsam sein, sich unterordnen, loyal und ihren Herren gegenüber treu sein, egal, wie diese sich verhalten, und den Herren wird gesagt, sie sollen ihre Sklaven liebevoll behandeln, gerecht, fair und freundlich, egal, was diese tun könnten. Obwohl also nichts die Institution der Sklaverei angreift, greift alles in christlichen Grundsätzen Missbräuche in jedem gesellschaftlichen System an, einschließlich der Sklaverei. Die Sklaverei war so sehr Bestandteil des römischen Reichs, dass die ganze Gesellschaft darauf aufgebaut war. Und zurzeit Christi war Sklaverei schon nicht mehr unbedingt das, wofür wir sie heute halten, sie war modifiziert worden. Es waren einige Gesetze verabschiedet worden und in sehr vielen Fällen wurden Sklaven sehr gut behandelt. Wenn ihr altertümliche Literatur aus der Zeit Christi lest, werdet ihr feststellen, dass die meisten Autoren sagen, ein Mann war besser dran als Sklave, als als flüchtiger Sklave, sehr oft sogar besser dran als Sklave als als Freier, weil ein Sklave immer Fürsorge und Nahrung und einen Platz zum Schlafen hatte. Und wenn er einen guten und freundlichen Herrn hatte, ging es ihm sehr gut. Zurzeit Christi konnten Sklaven in jeder Disziplin gut ausgebildet sein, viele von ihnen übten sogar medizinische Berufe aus. Sklaven konnten in den Genuss kommen, eigene Besitztümer zu haben, ihre eigenen Geschäfte und ihre eigene Wirtschaft zu entwickeln. Sklaven konnten ihren Nachlass ihren eigenen Kindern vermachen. Zurzeit Christi hatte die Sklaverei also viele der früheren Missbräuche bereits hinter sich gelassen, obwohl diese Missbräuche in einigen Fällen immer noch auftraten. Und wir werden das bei Jakobus sehen, wo einige Christen, die Sklaven oder Diener gewesen sein müssen, sehr unfreundlich behandelt und körperlich misshandelt wurden. Aber die Sklaverei war im Umbruch begriffen und das christliche Evangelium, das in diese Welt kam, und die christlichen Prediger, würden das Augenmerk nicht von einem geistlichen auf einen gesellschaftlichen Aspekt verschieben. Ihr könnt euch vielleicht vorstellen, was im römischen Reich geschehen wäre, wenn Jesus und die Apostel begonnen hätten, die Sklaverei anzugreifen. Ein Aufstand von 60.000.000 Sklaven wäre eine unglaubliche Situation gewesen. Die Gesellschaft wäre in solches Chaos und Verwirrung gestürzt worden und selbst ihr könnt euch vorstellen, dass Sklaven, wenn eine solche Rebellion begonnen hätte, zertrampelt und umgebracht worden wären.

Es gab also in der sich wandelnden Stimmung im römischen Reich einen Grund dafür, Hoffnung für die Abschaffung der Sklaverei zu sehen, und diese Hoffnung würde durch veränderte Herzen kommen. Die Saat des Endes der Sklaverei wurde im römischen Reich durch das christliche Evangelium gesät und schließlich starb die Sklaverei aus. Ebenso wie die Sklaverei überall auf der Welt ausgestorben ist, als das christliche Evangelium kam. Das galt ganz gewiss letzten Endes auch für Amerika. Seht ihr, das Christentum führt eine neue Beziehung zwischen den Menschen ein, eine Beziehung, in der externe Differenzen egal sind und wir eins in Christus sind, ob Jude oder Heide, Sklave oder frei, es gibt weder Griechen noch Juden, sagte Paulus, ob beschnitten oder unbeschnitten, Barbaren oder Skythen, Sklave oder freier Mensch. Das hier ist kein Angriff auf die Institution der Sklaverei. Es ist sogar das genaue Gegenteil. Hier wird einem Sklaven gesagt, er soll zu seinem Herrn zurückgehen und die Art von Sklave sein, die er gegenüber einem treuen und liebevollen Herrn sein sollte.

Das Thema ist also Vergebung, das ist die Botschaft dieses Briefes, das ist die Absicht. Die Geschichte hinter diesem Brief macht das absolut deutlich. Lasst mich euch die Geschichte vorlesen und wir werden nur einige kurze Kommentare dazu abgeben. Vers 4: „Ich danke meinem Gott und gedenke allezeit an dich in meinen Gebeten, weil ich von deinem Glauben höre, den du an den Herrn Jesus hast, und von deiner Liebe gegenüber allen Heiligen, damit deine Gemeinschaft im Hinblick auf den Glauben für Christus Jesus wirksam werde durch die Erkenntnis all des Guten, das in euch ist. Denn wir haben viel Freude und Trost um deiner Liebe willen, denn die Herzen der Heiligen sind durch dich erquickt worden, lieber Bruder. Darum, obwohl ich in Christus volle Freiheit hätte, dir zu gebieten, was sich geziemt, so will ich doch, um der Liebe willen, vielmehr eine Bitte aussprechen, in dem Zustand, in dem ich bin, nämlich als der alte Paulus, und jetzt auch ein Gefangener Jesu Christi. Ich bitte dich für mein Kind, das ich in meinen Fesseln gezeugt habe, Onesimus, der mir einst unnütz war, jetzt aber dir und mir nützlich ist. Ich sende ihn hiermit zurück; du aber nimm ihn auf wie mein eigenes Herz! Ich wollte ihn bei mir behalten, damit er mir an deiner Stelle diene in den Fesseln, die ich um des Evangeliums willen trage; aber ohne deine Zustimmung wollte ich nichts tun, damit deine Wohltat nicht gleichsam erzwungen, sondern freiwillig sei. Denn vielleicht ist er darum auf eine kurze Zeit von dir getrennt worden, damit du ihn auf ewig besitzen sollst, nicht mehr als einen Sklaven, sondern, was besser ist als ein Sklave, als einen geliebten Bruder, besonders für mich, wie viel mehr aber für dich sowohl im Fleisch als auch im Herrn. Wenn du mich nun für einen hältst, der Gemeinschaft mit dir hat, so nimm ihn auf wie mich selbst. Wenn er dir aber Schaden zugefügt hat oder etwas schuldig ist, so stelle das mir in Rechnung.“ Wir werden an dieser Stelle innehalten.

Das ist eine unglaubliche Geschichte. Philemon wurde von Paulus zu Christus geführt. Er traf Paulus wahrscheinlich während der drei Jahre, die Paulus in Ephesus verbrachte, wie ich bereits sagte, obwohl er in Kolossä wohnte. Er hatte einen Sklaven und der Name des Sklaven war Onesimus. Und die Beziehung dieser beiden Menschen, Philemon und Onesimus, ist wahrhaftig der Kontext dieses Aufrufs zur Vergebung. Die Geschichte ist faszinierend.

Jahre waren vergangen seit der Bekehrung von Philemon. Paulus ist jetzt ein Gefangener in Rom. Philemon ist aktiv im Dienst in seiner Gemeinde. Die Gemeinde trifft sich in seinem Haus. Er hat viel zu tun in seinem Dienst und erquickt die Brüder durch seine Nützlichkeit. Sein Sklave, Onesimus, ein Ungläubiger, spürte wahrscheinlich die Hitze einer gläubigen Familie. Apphia, die Frau von Philemon, und Archippus, ihr Sohn, waren bekehrt, und Onesimus entschied sich, dass er besser dran wäre, wegzulaufen, obwohl die Familie, bei der er angestellt war, eine gute Familie war, also lief er weg. Wie der Text zeigt, nahm er, als er weglief, Geld mit, er stahl Geld von seinem Herrn.

Die Sklaverei war im Umbruch begriffen, aber sie veränderte sich nicht so sehr, dass ein Sklave stehlen konnte, sie veränderte sich nicht so sehr, dass ein Sklave weglaufen konnte. Manche Leute würden uns sagen, dass es an einigen Orten für solches Verhalten noch die Todesstrafe gab und dieser Sklaven sein Leben verlieren könnte. Andere würden sagen, die Bestrafung war eine strenge Inhaftierung oder sogar eine körperliche Bestrafung. Onesimus hatte nach allen römischen Gesetzen ein Verbrechen begangen, eine Straftat, ein schweres Verbrechen, und war gegangen und hatte versucht, sich zu verstecken.

Manchmal, wenn ein Sklave weglief und erwischt wurde, würden sie ein „F“, würden sie ein „F“ für fugitivus „Flüchtling“ in seinen Kopf brennen. Einige von ihnen, von denen wir wissen, wurden in der Vergangenheit gekreuzigt. Manche wurden gefoltert. Weglaufen war ein schweres Vergehen. Er lief dorthin, wo man es erwarten würde, nämlich nach Rom, denn das war die größte Stadt. Es wird geschätzt, dass die Bevölkerung zu jener Zeit ca. 870.000 betrug und er dachte, er könnte sich in der Unterwelt Roms verstecken und versuchen, zu überleben. Heutzutage reden wir von Obdachlosen. Wir reden von Obdachlosen. Er wäre einer von ihnen. Er würde im Untergrund leben, in den finsteren Seitengässchen oder in Löchern im Boden schlafen.

Eine Untersuchung des „Sacred Treasury of the Romans“ (~Heiliges Schatzamt der Römer) für die Jahre 81 - 49 v. Chr. schloss die Steuern für die Freilassung ein. Freilassung bezog sich auf die Freilassung von Sklaven. Sklaverei veränderte sich so rapide, dass die Menschen ihre Sklaven freiließen. Jedes Mal, wenn sie einen Sklaven freiließen, mussten fünf Prozent des Wertes dieses Sklaven an die Regierung gezahlt werden. Als diese alte Untersuchung der Jahre 81 - 49 v. Chr. gefunden und der Betrag angesetzt wurde, der sich in den Aufzeichnungen fand, kam man zu der Schlussfolgerung, dass in diesem Zeitraum von 30 Jahren 500.000 Sklaven freigelassen wurden … in einem Zeitraum von nur 30 Jahren. Die Aufzeichnungen von Kaiser Augustus zeigen, dass Sklaven beim Tode ihres Herrn in der Regel en masse freigelassen wurden. Wenn ein Herr starb, waren alle seine Sklaven frei. Das wurde ein großes Problem. Es gibt 500.000 Sklaven, die alle zu der Stadt laufen, in der sie freigelassen wurden. Menschen sterben und all ihre Sklaven wurden freigelassen und deren Zahl ist so groß, dass die Regierung ein Gesetz erließ. Zurzeit von Kaiser Augustus besagte das Gesetz, wenn ein Mann starb, konnte nie mehr als ein gewisser Prozentsatz seiner Sklaven freigelassen werden. Wenn er fünf hatte, konnte einer freigelassen werden. Wenn er zehn hatte, konnten zwei freigelassen werden. Warum? Weil es eine Fülle von obdachlosen Arbeitslosen gab, die im ganzen römischen Reich überall herumliefen. Obwohl Sklaven inzwischen fast alle Rechte der Freien hatten, obwohl sie auf allen Gebieten ausgebildet werden konnten, obwohl sie bessere Lebensbedingungen hatten als Freie, sofern sie an dem Ort blieben, wo sie von ihrem Herrn angestellt waren, obwohl sie bessere Nahrung und bessere Kleidung hatten, obwohl sie besser behandelt wurden, obwohl sie Teil der Familie waren, obwohl sie daran gewohnt waren, die Kinder zu unterrichten, die Kinder medizinisch zu versorgen, obwohl sie sich um die Finanzen kümmerten, obwohl sie heiraten durften, obwohl sie Eigentum haben durften, obwohl sie ihr eigenes Leben aufbauen durften, obwohl sie in jeder Religion zugelassen waren, liefen dennoch viele von ihnen weg. Der Traum von der Freiheit. Und sie gerieten in eine schlimmere Lage als vorher. Wer weiß, in welcher schlimmen Situation Onesimus sich befand? Und durch die wunderbare Vorhersehung Gottes begegnete er in einer Stadt mit ungefähr 870.000, oder fast 1.000.000, Menschen, dem Apostel Paulus - stellt euch das einmal vor.

Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, dass er persönliche Bedürfnisse hatte, nicht wahr? Und vielleicht wusste er, dass Paulus dort predigte und er wollte diesen Mann predigen hören. Obwohl Paulus ein Gefangener war, muss er irgendwelchen Zugang gehabt haben, was für eine Haft. Vielleicht nahm sie unterschiedliche Formen an, sodass Paulus nicht nur Zugang zu seinen Freunden hatte, von denen nachgewiesen ist, dass sie in einer gewissen Beziehung zu ihm standen, sondern sogar zu Ungläubigen. Paulus überzeugte Onesimus, Christ zu werden, und er bekehrte sich. Sein Leben wurde verwandelt.

Nicht nur das, er wurde ein Gehilfe von Paulus. Wie wir bemerkt haben, teilt der Text uns mit, dass er ein sehr ermutigender Diener von Paulus in dessen Gefangenschaft wurde. Vielleicht kochte er Mahlzeiten für ihn und brachte sie ihm, um ihn gut zu ernähren. Vielleicht brachte er ihm Informationen. Wir wissen es nicht. Aber so sehr Paulus ihn liebte und so sehr er ihn behalten wollte, wusste Paulus doch, dass etwas geregelt werden musste. Dieser Mann war ein Verbrecher. Und die Beziehung zwischen Onesimus und Philemon war nicht im Lot. Und ihr wisst, dass Philemon einem sehr engen Freund gegenüber immer noch verbittert war, denn obwohl Onesimus ein Sklave war, wäre er ein Haushaltssklave gewesen und ein sehr enger Gefährte. Der Fehler lag bei Onesimus. Philemon war ein guter christlicher Herr. Onesimus hatte Philemon großes Unrecht getan, denn er hatte ihm Geld gestohlen und durch den Verlust eines derartigen Angestellten musste er jemand anders einstellen und für diesen anderen bezahlen. Paulus wusste also, dass Onesimus zurückgehen musste. Er musste reumütig zurückgehen und er musste zurückgehen und Philemon um Vergebung bitten.

Und die Gelegenheit ergab sich, ihn zurückzusenden. Warum? Paulus hatte die Briefe an die Kolosser und an die Epheser beendet und wollte sie mit einem Mann namens Tychikus an diese beiden Gemeinden zurücksenden. Deshalb war dies die perfekte Gelegenheit, Philemon seinen entlaufenen Sklaven zurückzuschicken.

Übrigens, in Kolosser Kapitel 4 sagt er: „Alles, was mich betrifft, wird euch Tychikus mitteilen, der geliebte Bruder und treue Diener und Mitsklave im Herrn.“ Und dann in Vers 9: „Zusammen mit Onesimus.“ Er sendet also Tychikus mit diesen beiden Briefen und mit Onesimus.

Das birgt ein gewisses Risiko, denn Philemon wäre berechtigt, Onesimus zu bestrafen. Aber Paulus entscheidet sich, ihn trotzdem zurückzusenden, aber nicht ohne einen Geleitbrief, also schickt er diesen Brief hier. Und in dem steht im Prinzip, du musst diesem Mann vergeben, du musst bereit sein, barmherzig zu sein. Du musst diesen Sklaven so behandeln, wie Christus dich behandelt hat. Der gleiche Grundsatz, den er in Epheser 4,32 und Kolosser 3,13 zum Ausdruck gebracht hat; vergib, wie auch dir vergeben wurde. Und das ist im Prinzip der Hintergrund dieser Geschichte.

Was wird geschehen, wenn er zurückgeht? Nun, der Rest des Buchs ist ab Vers 4 in drei Teile unterteilt. Ich werde sie nur kurz erwähnen. Es ist in drei Teile unterteilt. Der erste Teil, Verse 4 bis 7, befasst sich im Prinzip mit dem geistlichen Charakter desjenigen, der vergibt. Das ist einfach eine ergreifende Botschaft und darüber werden wir nächstes Mal sprechen. Der geistliche Charakter desjenigen, der vergibt; welche Art von Mensch ist versöhnlich? Das werden wir in den Versen 4 bis 7 sehen. Der zweite Teil des Buchs sind die geistlichen Handlungen desjenigen, der vergibt. Zuerst betrachten wir den Charakter eines Menschen, der vergibt, dann betrachten wir die Handlungen eines solchen Menschen, Verse 8 bis 18. Und in Versen 19 bis 25 geht es um die geistliche Motivation desjenigen, der vergibt. Wenn wir dieses Buch abgeschlossen haben werden - und wir brauchen nur noch drei Botschaften, um es zu beenden -, werdet ihr wissen, durch welchen Charakter, welche Handlungen und welche Motivation ein versöhnlicher Mensch sich auszeichnet. Und das ist von grundlegender Bedeutung. Wir gehen genau an den Punkt zurück, wo wir angefangen haben, meine Lieben, als ich heute früh begann und sagte, wir sind Gott nie ähnlicher, als wenn wir vergeben. Und ihr habt Vergebung erfahren und aufgrund dieser Vergebung Gottes in Christus solltet ihr einander vergeben, und wenn ihr einander nicht vergebt, dann wird Gott in der Beziehung zu euch Distanz wahren und euch durch seine Hand züchtigen, statt euch zu segnen.

Fragt euch bitte einmal Folgendes: Von all den Themen, über die Paulus hätte schreiben können, warum um alles in der Welt wählte er das Thema der Vergebung? Das hier ist nur ein sehr kurzer, alleinstehender, irgendwie merkwürdiger, abstruser, untergeordneter Brief, der nicht mit dem Rest harmoniert, inmitten dieser großen, umfassenden Episteln, um zu einem Mann über Vergebung gegenüber einem Sklaven zu sprechen. Warum all dieses Brimborium? Ich sage es noch einmal. Ein Gläubiger ähnelt Gott nie so sehr, ähnelt Christus nie so sehr, als wenn er oder sie vergibt, denn das ist das Wesen Gottes und das Wesen Christi, das auf wunderbarste Weise bei unserer Errettung zum Einsatz kommt. Wir lesen im Neuen Testament, nicht wahr, dass wir wie Christus sein sollen, seid wie Christus, wandelt so, wie er gewandelt ist, gedenkt Jesu Christi, seid meine Nachahmer, gleichwie auch ich Nachahmer des Christus bin, lasst diese Gesinnung in euch sein, der auch in Christus war. Nun, was bedeutet das? Sie sollen wie Christus sein. Was bedeutet es, wie Christus zu sein? Nun, es bedeutet ganz gewiss, … was? … Vergebung, denn so kennen wir ihn - als denjenigen, der uns alle unsere Sünden vergeben hat.

Der Charakter von Gottes Vergebung wird im Gleichnis des verlorenen Sohnes deutlich … bereitwillige, überschwängliche, liebevolle Vergebung. Und wie ernst derjenige gezüchtigt wird, der nicht vergibt, sehen wir in dem Gleichnis des Königs und des Sklaven. Das ist ein zentrales Thema in der ganzen Schrift.

[Gebet]


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